Konzertreise nach Berlin - 22.  - 24. Mai 2010

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin

4:00 Uhr in der Nacht. Samstag, der 22.05.2010. Unbarmherzig reißt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Keine Zeit verlieren: spätestens um 5:30 Uhr sollen alle für unseren Flug nach Berlin beim Check-In von Air Berlin (wie passend!) sein. Punkt fünf wollen wir auf dem Weg zum Flughafen noch Anne aus dem Sopran abholen. Die Taschen sind gepackt. Es darf nichts vergessen werden, vor allem nicht die Konzert-Noten. Alles andere könnte man zur Not noch nachkaufen.

Pünktlich reihen wir uns um halb sechs vor den Schaltern in die Schlange der Pfingst-Touristen ein. Dreißig Leute hinter mir ein Kollege aus meiner Firma, auf dem Weg nach Venedig. Auch nicht schlecht, vielleicht eine Idee für eine künftige Reise. Die Choristen sind alle da und haben sich schon einmal ein Kompliment für ihre Zuverlässigkeit verdient. Die Morgensonne lacht knapp über dem Horizont und taucht den Warteraum in ein zauberhaftes Licht.

Nach angenehmem Flug verlassen wir kurz nach acht die Gepäck-Ausgabe des Flughafens Berlin-Tegel. Die meisten logieren bei Chorsänger(inne)n des Deutsch-Französischen Chors Berlin und werden von ihren Gastgebern hier abgeholt. Schnell sind fast alle weg, "bis gleich, bei der Probe".

Dieter mit Katharina und Tochter Hannah, meine Frau Elienai und ich müssen selbstständig zu unserer Ferienwohnung in "Mitte". Nach meiner persönlichen Einschätzung stellt das Zurechtfinden in einem fremden Nahverkehrssystem in etwa die Anforderungen an Intellekt und Beharrlichkeit wie eine Promotion in Kryptologie, deshalb streben wir hilfesuchend als Erstes zum Kiosk der BVG im Terminal. Gefühlte 200 Menschen warten schon dort. Jemand hat draußen einen Ticket-Automaten gesehen, wo wir zwar niemanden nach Details fragen können, aber auch nicht so lange warten müssen. Also wählen wir "Risiko" und umkurven die Schlange.

Welch ein Glück: Am Automat steht ein Service-Mann, jetzt ist die Lösung des Ticket-Problems auch nicht schwieriger als im Fernsehquiz die 32.000-€-Frage mit Publikums-Joker. "Tageskarte für sechs Euro zehn" ist die richtige Antwort. Toll, dann nehmen wir doch gleich drei für jeden und sind bis zum Rückflug zumindest dieser Sorge enthoben. "Was, 15 Stück? Nein, das geht nicht! Die müssen Sie drinnen am Kiosk kaufen".

Überhaupt, Berlin. Bin immer ein bisschen eingeschüchtert, wenn ich hierherkomme. Eine solch riesige Stadt gibt's sonst kaum in Europa, geschweige in Deutschland. Berlin bietet großartige Stadt-Landschaften, unglaubliche Werke der Architektur und lässt einen auf Schritt und Tritt über Spuren stolpern, die die deutsche Geschichte der letzten gut 300 Jahre hier eingemeißelt hat. Hierzu kann man in gewisser Weise getrost auch unsere praktische Ferienwohnung rechnen, die, freundlich renoviert und WLAN-versorgt, im siebenten Stock eines Plattenbau-Hochhauses aus dem DDR-Erbe liegt. Die Heinrich-Heine-Straße ist ein großzügig breit angelegter Boulevard, den man vergleichbar in unserem gemütlichen Köln kaum finden wird, war jedoch bis vor gut zwanzig Jahren an seinem Ende durch die Mauer vom pulsierenden Kreuzberg abgeschnitten.

Und dort müssen wir jetzt hin, um 12.00 Uhr beginnt die gemeinsame Probe mit dem Berliner Chor in der Emmaus-Kirche. Der Kirchenraum scheint perfekt für das Konzert: hat die passende Größe, ist hell und verfügt über eine Akustik, über die man nicht meckern kann (es heißt, diese Formulierung sei das größte Kompliment, das ein Berliner auszusprechen vermag).

Um die hundert Chorsänger(innen) sammeln sich und werden für die wechselnden Stimmbesetzungen jeweils passend in den Sitzreihen arrangiert. Verglichen mit unserem Probenraum und seiner eher analytischen Akustik wächst hier, in der großen Kirche und mit der großen Besetzung, der Klang gewaltig an - und die Chorsätze von Mendelssohn gewinnen noch einmal dazu. Welch tolle Stücke haben unsere Chorleiter doch wieder geschmackssicher für uns ausgesucht!

Steffen Schwarzer, musikalischer Leiter des DFC Berlin, übernimmt das Kommando. Überwiegend in seinen Händen wird die Verantwortung beim morgigen Konzert liegen. Wir proben erstmals gemeinsam die vorher jeweils allein sorgfältig einstudierten Partien. Jeder Dirigent setzt bei der musikalischen Arbeit seine persönlichen Akzente. Steffen arbeitet sehr stark an Artikulation und sprachlichem Ausdruck, bricht ein paar Mal ab und ermuntert uns, beim Singen in einem Maße zu schauspielern, das uns selbst schon übertrieben vorkommen darf. Hochkonzentiert bemühen wir uns, die Impulse aufzunehmen und umzusetzen, und gleich wird die Musik um Vieles lebendiger und plastischer.

Noch ein Wort zur Emmaus-Kirche selbst: Ein Flyer im Ständer vor dem Kirchensaal informiert über die Historie des Gebäudes und der Kirchengemeinde. Beide sind in gleicher Weise eindrucksvoll wie anrührend, was einem ja bei vielen Dingen in Berlin so vorkommt. Die Emmaus-Kirche war bei ihrer Einweihung im Jahre 1893 Zentrum einer Gemeinde von mehr als 90.000 Seelen und, gemessen an der Zahl der Sitzplätze, damals die größte Kirche Berlins. Bei einem Bombenangriff im Frühjahr 1945 fiel das Kirchenschiff in Trümmer und wurde Ende der 50er Jahre durch einen viel kleineren Neubau im Stil der Zeit ersetzt, der wiederum in den 90ern von Grund auf zur heutigen Gestalt renoviert wurde. Im Kontrast zur tristen Historie steht die lebendige Nutzung mit Café, Eine-Welt-Shop, Kinderspielzimmer, dem separaten "Raum der Stille" und vielen kulturellen Events wie dem vereinigten deutsch-französischen Konzert morgen.

Klar, die Metropole bietet am Pfingstsonntag eine solche Fülle an attraktiven Veranstaltungen, dass mancher zweifelt, ob überhaupt ein Zuhörer sich zu uns verirren wird. Die buchstäblich größte Konkurrenz stellt der Umzug im "Karneval der Kulturen" dar, der gar nicht weit von uns aus Neukölln nach Kreuzberg führt. Im vergangenen Jahr waren geschätzte eineinhalb Millionen Besucher dabei. Helmut (Bass) schafft es gerade noch rechtzeitig von dort zur Stellprobe für das Konzert - glücklich, mit hochrotem Kopf und vollgeknipster Speicherkarte, die ihm nach der Rückkehr in Köln noch mächtig viel Arbeit bei der Nachbearbeitung und Archivierung der Fotos machen wird.

Die Stellprobe hat heute wirklich absolut ihren Sinn. Über Nacht - haben die Heinzelmännchen womöglich in Berlin ihr Asyl gefunden ? - ist ein mächtiges Podest in der Kirchen-Apsis aufgebaut worden, auf dem tatsächlich sogar der große gemeinsame Chor gut Platz findet.



 

 

 

Für jede musikalische Besetzung (4-stimmig, doppelt 4-stimmig, 8-stimmig) gibt es eine korrespondierende spezielle Belegung der Stellfläche, die kontrolliert einzunehmen wir mit ein paar Auf- und Abmärschen üben. Jedes Stück wird zumindest kurz angesungen, damit auch die wechselnden akustischen Verhältnisse gleich im Konzert nicht völlige Überraschungen darstellen. Natürlich würde sich alles noch einmal mit einer großen Zuhörerschar verändern, aber gerade darauf hoffen wir trotzdem sehr.
Wie motivierend: Seit der Öffnung der Abendkasse eine Stunde vor Konzertbeginn reißt der Zug der Interessenten nicht ab. Die Kirche ist schon gut besetzt, als sich der große Chor zum kurzen Einsingen in den "Raum der Stille" zurückzieht (ausgerechnet!).

Das Konzert beginnt mit wenig Verspätung, da doch offensichtlich einige der Besucher vom "Karneval" aufgehalten wurden. Der Kölner Chor hat das Privileg, die ersten Stücke hinten im Auditorium verfolgen zu dürfen. Mendelssohns Kantate "Hör mein Bitten" mit Solo-Sopran und obligater Orgel ist uns wohlvertraut, haben wir das Stück doch selbst vor eineinhalb Jahren in der Kirche Groß St. Martin aufgeführt. Beim gespannten Zuhören packt uns die barocke Klangfülle und die Opulenz des Werks, die daherkommt wie ein komplexer, voller Rotwein - sagen wir, wie ein ein 99er Pomerol.

Unser "Solo"-Part besteht in vier Stücken aus den Vesper-Gesängen von Sergej Rachmaninoff, deren russischer Text uns bei den Proben rechte Mühe gemacht hat. Unser Dirigent Andreas Foerster führt uns sicher und souverän, wir singen konzentriert und engagiert, offenbar angesteckt vom hohen sängerischen Niveau von Solistin und Berliner Chor. Eine Zuhörerin spricht später überglücklich Thomas aus dem Tenor an und gesteht, wie sie unsere Darbietung genossen hat und mit geschlossenen Augen eingetaucht war in die Vision einer russischen Kirche, erfüllt vom inbrünstigen Gesang eines russischen Chores.

Nun folgen als Höhepunkte des Konzerts sechs weitere Chorwerke von Mendelssohn, die wir alle gemeinsam singen. Den Abschluss bildet der 42. Psalm, "Wie der Hirsch schreit nach frischen Wasser". Ausdrucksvoll und packend klingt die Musik, so, wie wir es uns gestern bei der Probe vorgenommen hatten. Steffen schaut jetzt auch zufrieden drein, versöhnt nach ein paar kleinen Ungenauigkeiten bei heiklen Einsätzen in einem der Stücke zuvor. In den begeisterten Applaus der Zuhörer steuern wir gemeinsam als Zugabe noch Rheinbergers "Abendlied" bei, das aus so vielen Sängerkehlen eine unglaubliche Intensität gewinnt.

Nach dem Konzert der Ausklang in Turmkapelle und Cafeteria, mit liebevoll vorbereitetem Buffet, Rotwein und einigen der musikalischen Klassiker von Treffen deutsch-französischer Chöre. Es erklingen "Tourdion" und "Au coeur de la nuit", bald gefolgt von einem ausgelassenen Tribut an rheinische musikalische Lokalfolklore. Mit erfüllten Gemütern und Mägen verläuft sich peu à peu die Gesellschaft in eine friedliche, traumreiche Nacht. 

Am Montag ist nicht mehr so arg viel Zeit für touristische Unternehmungen. Nach ein paar Fahrten mit dem 100er- und dem 200er-Bus (ein absolut lohnender Tipp unseres Reiseführers) landen Elienai und ich am Potsdamer Platz, wo wir unverhofft noch ein Live-Konzert erleben. Rupert's Kitchen Orchestra hat den schmucklosen, geschotterten Mittelstreifen der Potsdamer Straße, der aussieht, als hätten die Stadtplaner hier eine Reminiszenz an den ansonsten komplett verschwundenen Todesstreifen platzieren wollen, für den Aufbau der mobilen Sound-Anlage genutzt, und nun ertönt an diesem eher abweisenden, ungemütlichen Ort "Berlin Funk" auf hohem Niveau, in der Besetzung Gesang, Alt-Saxophon, Rhythmusgitarre, Bass und Schlagzeug. Die Musiker haben sichtlich ihren Spaß, von dem sich die vielen verlorenen Touristen beim Überqueren der Kreuzung anstecken lassen, stehen bleiben (wie wir) und (ebenso wie wir) staunend und beschwingt zuhören. 

Mit einer CD für 10 € in der Tasche fahren wir ein letztes Mal zur schon liebgewordenen Ferienwohnung, in der unser Gepäck wartet, um sogleich und auf derselben bewährten ÖPNV-Route wie bei der Anreise zum Flughafen Tegel zurückverbracht zu werden.

Am Check-In treffen wir Andreas, den Dirigenten, einige unserer Choristen und ein paar der Berliner Gastgeber. Mit großer Herzlichkeit verabschieden sich alle, "bis zum gemeinsamen Konzert im November in Köln!".

Denke noch, dass wir unsere Freunde wohl warnen müssen. Groß St. Martin, der Ort unseres Konzerts, bietet - als größte der 12 romanischen Kirchen Kölns - nicht nur einen großartigen würdevollen Rahmen, sondern in der ersten Novemberhälfte eine, durchaus doppeldeutig zu verstehende, Gänsehaut erzeugende Atmosphäre, in der allein angemessene Kleidung den spirituellen Eindruck nachhaltig gegen Erkältungssymptome zu bewahren in der Lage ist. 

Im Gate-Warteraum ziehe ich ein kleines persönliches Resümee unserer Konzertreise. Welch ein schönes Erlebnis! Ein animierendes Konzert, dessen Musik mich vor meinem inneren Ohr durch die Tage der kommenden Woche begleiten wird. Eine lebendige und emotionale Begegnung mit den Sänger(inne)n des Berliner Chors. Das hochattraktive Reiseziel und nicht zuletzt eine durchweg heitere und harmonische Stimmung in unserer Reisegruppe. Wie freue ich mich, zum Chor dazuzugehören und so etwas erleben zu dürfen.

17:30 Uhr zurück in Köln, den Erinnerungen nachhängend, wartend auf die Koffer. Sehe nur lächelnde Gesichter. Alle scheinen die Reise ebenso sehr gemocht zu haben wie ich. Wir verabschieden uns herzlich voneinander, "bis Mittwoch, bis zur nächsten Probe".

Eine gute Stunde später sind wir dann wieder daheim. Seltsam, dass die Koffer nach einer Reise immer voller sind als beim Aufbruch. Und doch fehlt irgendetwas. Parbleu, meine Notenmappe ist nicht da! Hatte sie nach dem Konzert, nachdem alle Anspannung abgefallen war, auf das Notenpult der Orgel in der Kapelle gestellt und beim späteren Aufbruch prompt vergessen. Jetzt steht sie wahrscheinlich immer noch dort. Ein Anlass, gleich wieder zurückzukehren und sie zu holen?

Klaus Thomas, Bass

Fotos: Helmut Bertsch (DFC Köln)
           Walter Weimert (DFC Berlin)