|
Berlin,
Berlin, wir fahren nach Berlin
4:00 Uhr in der Nacht. Samstag, der 22.05.2010. Unbarmherzig reißt mich
der Wecker aus dem Tiefschlaf. Keine Zeit verlieren: spätestens um 5:30
Uhr sollen alle für unseren Flug nach Berlin beim Check-In von Air
Berlin (wie passend!) sein. Punkt fünf wollen wir auf dem Weg zum
Flughafen noch Anne aus dem Sopran abholen. Die Taschen sind gepackt. Es
darf nichts vergessen werden, vor allem nicht die Konzert-Noten. Alles
andere könnte man zur Not noch nachkaufen.
Pünktlich
reihen wir uns um halb sechs vor den Schaltern in die Schlange der
Pfingst-Touristen ein. Dreißig Leute hinter mir ein Kollege aus meiner
Firma, auf dem Weg nach Venedig. Auch nicht schlecht, vielleicht eine
Idee für eine künftige Reise. Die Choristen sind alle da und haben sich
schon einmal ein Kompliment für ihre Zuverlässigkeit verdient. Die
Morgensonne lacht knapp über dem Horizont und taucht den Warteraum in
ein zauberhaftes Licht.
Nach angenehmem Flug verlassen wir kurz nach acht die Gepäck-Ausgabe des
Flughafens Berlin-Tegel. Die meisten logieren bei Chorsänger(inne)n des
Deutsch-Französischen Chors Berlin und werden von ihren Gastgebern hier
abgeholt. Schnell sind fast alle weg, "bis gleich, bei der Probe".
Dieter mit Katharina und Tochter Hannah, meine Frau Elienai und ich
müssen selbstständig zu unserer Ferienwohnung in "Mitte". Nach meiner
persönlichen Einschätzung stellt das Zurechtfinden in einem fremden
Nahverkehrssystem in etwa die Anforderungen an Intellekt und
Beharrlichkeit wie eine Promotion in Kryptologie, deshalb streben wir
hilfesuchend als Erstes zum Kiosk der BVG im Terminal. Gefühlte 200
Menschen warten schon dort. Jemand hat draußen einen Ticket-Automaten
gesehen, wo wir zwar niemanden nach Details fragen können, aber auch
nicht so lange warten müssen. Also wählen wir "Risiko" und umkurven die
Schlange.
Welch ein Glück: Am Automat steht ein Service-Mann, jetzt ist die Lösung
des Ticket-Problems auch nicht schwieriger als im Fernsehquiz die
32.000-€-Frage mit Publikums-Joker. "Tageskarte für sechs Euro zehn" ist
die richtige Antwort. Toll, dann nehmen wir doch gleich drei für jeden
und sind bis zum Rückflug zumindest dieser Sorge enthoben. "Was, 15
Stück? Nein, das geht nicht! Die müssen Sie drinnen am Kiosk kaufen".
Überhaupt, Berlin. Bin immer ein bisschen eingeschüchtert, wenn ich
hierherkomme. Eine solch riesige Stadt gibt's sonst kaum in Europa,
geschweige in Deutschland. Berlin bietet großartige Stadt-Landschaften,
unglaubliche Werke der Architektur und lässt einen auf Schritt und Tritt
über Spuren stolpern, die die deutsche Geschichte der letzten gut 300
Jahre hier eingemeißelt hat. Hierzu kann man in gewisser Weise getrost
auch unsere praktische Ferienwohnung rechnen, die, freundlich renoviert
und WLAN-versorgt, im siebenten Stock eines Plattenbau-Hochhauses aus
dem DDR-Erbe liegt. Die Heinrich-Heine-Straße ist ein großzügig breit
angelegter Boulevard, den man vergleichbar in unserem gemütlichen Köln
kaum finden wird, war jedoch bis vor gut zwanzig Jahren an seinem Ende
durch die Mauer vom pulsierenden Kreuzberg abgeschnitten.
Und dort müssen wir jetzt hin, um 12.00 Uhr beginnt die gemeinsame Probe
mit dem Berliner Chor in der Emmaus-Kirche. Der Kirchenraum scheint
perfekt für das Konzert: hat die passende Größe, ist hell und verfügt
über eine Akustik, über die man nicht meckern kann (es heißt, diese
Formulierung sei das größte Kompliment, das ein Berliner auszusprechen
vermag).

Um die hundert Chorsänger(innen) sammeln sich und werden für
die wechselnden Stimmbesetzungen jeweils passend in den Sitzreihen
arrangiert. Verglichen mit unserem Probenraum und seiner eher
analytischen Akustik wächst hier, in der großen Kirche und mit der
großen Besetzung, der Klang gewaltig an - und die Chorsätze von
Mendelssohn gewinnen noch einmal dazu. Welch tolle Stücke haben unsere
Chorleiter doch wieder geschmackssicher für uns ausgesucht!
Steffen Schwarzer, musikalischer Leiter des DFC Berlin, übernimmt das
Kommando. Überwiegend in seinen Händen wird die Verantwortung beim
morgigen Konzert liegen. Wir proben erstmals gemeinsam die vorher
jeweils allein sorgfältig einstudierten Partien. Jeder Dirigent setzt
bei der musikalischen Arbeit seine persönlichen Akzente. Steffen
arbeitet sehr stark an Artikulation und sprachlichem Ausdruck, bricht
ein paar Mal ab und ermuntert uns, beim Singen in einem Maße zu
schauspielern, das uns selbst schon übertrieben vorkommen darf. Hochkonzentiert bemühen wir uns, die Impulse aufzunehmen und umzusetzen,
und gleich wird die Musik um Vieles lebendiger und plastischer.
Noch ein Wort zur Emmaus-Kirche selbst: Ein Flyer im Ständer vor dem
Kirchensaal informiert über die Historie des Gebäudes und der
Kirchengemeinde. Beide sind in gleicher Weise eindrucksvoll wie
anrührend, was einem ja bei vielen Dingen in Berlin so vorkommt. Die
Emmaus-Kirche war bei ihrer Einweihung im Jahre 1893 Zentrum einer
Gemeinde von mehr als 90.000 Seelen und, gemessen an der Zahl der
Sitzplätze, damals die größte Kirche Berlins. Bei einem Bombenangriff im
Frühjahr 1945 fiel das Kirchenschiff in Trümmer und wurde Ende der 50er
Jahre durch einen viel kleineren Neubau im Stil der Zeit ersetzt, der
wiederum in den 90ern von Grund auf zur heutigen Gestalt renoviert
wurde.
Im Kontrast zur tristen Historie steht die lebendige Nutzung mit
Café, Eine-Welt-Shop, Kinderspielzimmer, dem separaten "Raum der Stille"
und vielen kulturellen Events wie dem vereinigten deutsch-französischen
Konzert morgen.
Klar, die
Metropole bietet am Pfingstsonntag eine solche Fülle an attraktiven
Veranstaltungen, dass mancher zweifelt, ob überhaupt ein Zuhörer sich zu
uns verirren wird. Die buchstäblich größte Konkurrenz stellt der Umzug
im "Karneval der Kulturen" dar, der gar nicht weit von uns aus Neukölln
nach Kreuzberg führt. Im vergangenen Jahr waren geschätzte eineinhalb
Millionen Besucher dabei.
Helmut (Bass) schafft es gerade noch
rechtzeitig von dort zur Stellprobe für das Konzert - glücklich, mit
hochrotem Kopf und vollgeknipster Speicherkarte, die ihm nach der
Rückkehr in Köln noch mächtig viel Arbeit bei der Nachbearbeitung und
Archivierung der Fotos machen wird.
Die Stellprobe hat heute wirklich absolut ihren Sinn. Über Nacht - haben
die Heinzelmännchen womöglich in Berlin ihr Asyl gefunden ? - ist ein
mächtiges Podest in der Kirchen-Apsis aufgebaut worden, auf dem
tatsächlich sogar der große gemeinsame Chor gut Platz findet.

|
Für jede musikalische Besetzung (4-stimmig, doppelt 4-stimmig, 8-stimmig) gibt es
eine korrespondierende spezielle Belegung der Stellfläche, die
kontrolliert einzunehmen wir mit ein paar Auf- und Abmärschen üben. Jedes Stück wird zumindest kurz angesungen, damit auch die wechselnden
akustischen Verhältnisse gleich im Konzert nicht völlige Überraschungen
darstellen. Natürlich würde sich alles noch einmal mit einer großen
Zuhörerschar verändern, aber gerade darauf hoffen wir trotzdem sehr.
Wie
motivierend: Seit der Öffnung der Abendkasse eine Stunde vor
Konzertbeginn reißt der Zug der Interessenten nicht ab. Die Kirche ist
schon gut besetzt, als sich der große Chor zum kurzen Einsingen in den
"Raum der Stille" zurückzieht (ausgerechnet!).
Das Konzert beginnt mit wenig Verspätung, da doch offensichtlich einige
der Besucher vom "Karneval" aufgehalten wurden. Der Kölner Chor hat das
Privileg, die ersten Stücke hinten im Auditorium verfolgen zu dürfen.
Mendelssohns Kantate "Hör mein Bitten" mit Solo-Sopran und obligater
Orgel ist uns wohlvertraut, haben wir das Stück doch selbst vor
eineinhalb Jahren in der Kirche Groß St. Martin aufgeführt. Beim
gespannten Zuhören packt uns die barocke Klangfülle und die Opulenz des
Werks, die daherkommt wie ein komplexer, voller Rotwein - sagen wir, wie
ein ein 99er Pomerol.
Unser "Solo"-Part besteht in vier Stücken aus den Vesper-Gesängen von
Sergej Rachmaninoff, deren russischer Text uns bei den Proben rechte
Mühe gemacht hat.
Unser Dirigent Andreas Foerster führt uns sicher und
souverän, wir singen konzentriert und engagiert, offenbar angesteckt vom
hohen sängerischen Niveau von Solistin und Berliner Chor. Eine Zuhörerin
spricht später überglücklich Thomas aus dem Tenor an und gesteht, wie
sie unsere Darbietung genossen hat und mit geschlossenen Augen
eingetaucht war in die Vision einer russischen Kirche, erfüllt vom
inbrünstigen Gesang eines russischen Chores.
Nun folgen als Höhepunkte des Konzerts sechs weitere Chorwerke von
Mendelssohn, die wir alle gemeinsam singen. Den Abschluss bildet der 42.
Psalm, "Wie der Hirsch schreit nach frischen Wasser". Ausdrucksvoll und
packend klingt die Musik, so, wie wir es uns gestern bei der Probe
vorgenommen hatten. Steffen schaut jetzt auch zufrieden drein, versöhnt
nach ein paar kleinen Ungenauigkeiten bei heiklen Einsätzen in einem der
Stücke zuvor. In den begeisterten Applaus der Zuhörer steuern wir
gemeinsam als Zugabe noch Rheinbergers "Abendlied" bei, das aus so
vielen Sängerkehlen eine unglaubliche Intensität gewinnt.
Nach dem Konzert der Ausklang in Turmkapelle und Cafeteria, mit
liebevoll vorbereitetem Buffet, Rotwein und einigen der musikalischen
Klassiker von Treffen deutsch-französischer Chöre. Es erklingen "Tourdion"
und "Au coeur de la nuit", bald gefolgt von einem ausgelassenen Tribut
an rheinische musikalische Lokalfolklore. Mit erfüllten Gemütern und
Mägen verläuft sich peu à peu die Gesellschaft in eine friedliche,
traumreiche Nacht.
Am Montag ist
nicht mehr so arg viel Zeit für touristische Unternehmungen. Nach ein
paar Fahrten mit dem 100er- und dem 200er-Bus (ein absolut lohnender
Tipp unseres Reiseführers) landen Elienai und ich am Potsdamer Platz, wo
wir unverhofft noch ein Live-Konzert erleben. Rupert's Kitchen Orchestra
hat den schmucklosen, geschotterten Mittelstreifen der Potsdamer Straße,
der aussieht, als hätten die Stadtplaner hier eine Reminiszenz an den
ansonsten komplett verschwundenen Todesstreifen platzieren wollen, für
den Aufbau der mobilen Sound-Anlage genutzt, und nun ertönt an diesem
eher abweisenden, ungemütlichen Ort "Berlin Funk" auf hohem Niveau, in
der Besetzung Gesang, Alt-Saxophon, Rhythmusgitarre, Bass und
Schlagzeug. Die Musiker haben sichtlich ihren Spaß, von dem sich die
vielen verlorenen Touristen beim Überqueren der Kreuzung anstecken
lassen, stehen bleiben (wie wir) und (ebenso wie wir) staunend und
beschwingt zuhören.
Mit einer CD
für 10 € in der Tasche fahren wir ein letztes Mal zur schon
liebgewordenen Ferienwohnung, in der unser Gepäck wartet, um sogleich
und auf derselben bewährten ÖPNV-Route wie bei der Anreise zum Flughafen
Tegel zurückverbracht zu werden.
Am Check-In
treffen wir Andreas, den Dirigenten, einige unserer Choristen und ein
paar der Berliner Gastgeber. Mit großer Herzlichkeit verabschieden sich
alle, "bis zum gemeinsamen Konzert im November in Köln!".
Denke noch, dass wir unsere Freunde wohl warnen müssen. Groß St. Martin,
der Ort unseres Konzerts, bietet - als größte der 12 romanischen Kirchen
Kölns - nicht nur einen großartigen würdevollen Rahmen, sondern in der
ersten Novemberhälfte eine, durchaus doppeldeutig zu verstehende,
Gänsehaut erzeugende Atmosphäre, in der allein angemessene Kleidung den
spirituellen Eindruck nachhaltig gegen Erkältungssymptome zu bewahren in
der Lage ist.
Im Gate-Warteraum ziehe ich ein kleines persönliches Resümee unserer
Konzertreise. Welch ein schönes Erlebnis! Ein animierendes Konzert,
dessen Musik mich vor meinem inneren Ohr durch die Tage der kommenden
Woche begleiten wird. Eine lebendige und emotionale Begegnung mit den
Sänger(inne)n des Berliner Chors. Das hochattraktive Reiseziel und nicht
zuletzt eine durchweg heitere und harmonische Stimmung in unserer
Reisegruppe. Wie freue ich mich, zum Chor dazuzugehören und so etwas
erleben zu dürfen.
17:30 Uhr zurück in Köln, den Erinnerungen nachhängend, wartend auf die
Koffer. Sehe nur lächelnde Gesichter. Alle scheinen die Reise ebenso
sehr gemocht zu haben wie ich. Wir verabschieden uns herzlich
voneinander, "bis Mittwoch, bis zur nächsten Probe".
Eine gute Stunde später sind wir dann wieder daheim. Seltsam, dass die
Koffer nach einer Reise immer voller sind als beim Aufbruch. Und doch
fehlt irgendetwas. Parbleu, meine Notenmappe ist nicht da! Hatte sie
nach dem Konzert, nachdem alle Anspannung abgefallen war, auf das
Notenpult der Orgel in der Kapelle gestellt und beim späteren Aufbruch
prompt vergessen. Jetzt steht sie wahrscheinlich immer noch dort. Ein
Anlass, gleich wieder zurückzukehren und sie zu holen?
Klaus Thomas, Bass
Fotos:
Helmut Bertsch (DFC Köln)
Walter Weimert (DFC
Berlin)
|