Konzertreise nach Toulouse - 29. September - 3. Oktober 2006

Geburtstag haben ist schön - keine Frage. Noch schöner ist es, wenn man nicht allein feiert, weil vielleicht ein guter Freund ungefähr zur selben Zeit Geburtstag hat. Am allerschönsten ist es jedoch, wenn man eine Reise antreten kann, um mit diesem Freund gemeinsam an einem herrlichen und vielleicht unbekannten Fleckchen Erde zu feiern.

Dieses Glück wurde uns in diesem Herbst zuteil: unser 30-jähriges Chorjubiläum fiel mit dem 20. Geburtstag des DFC Toulouse zusammen. Da uns dieser Chor während seines Besuchs in Köln im letzten Jahr ohnehin schon ans Herz gewachsen war, war dies also ein mehr als willkommener Anlass, zum Feiern nach Toulouse zu fahren. 

Aber was heißt hier fahren, wir konnten uns sogar den Luxus gönnen, mit einem Lufthansa-Gruppenticket nach Toulouse zu fliegen, was sicherlich allen eine angenehme Alternative zu der x-stündigen Busfahrt war, die uns sonst bevorgestanden hätte. Ein bisschen Aufregung freilich gab es am Morgen des Abflugs selbst, weil der Flug von Düsseldorf ging, sehr früh startete und die liebe Deutsche Bahn für just jenen Freitagmorgen Warnstreiks angekündigt hatte. Aber per Fahrgemeinschaft, Sammeltaxi oder dem Ausweichen auf Züge, die so früh fuhren, dass es selbst zum Streiken zu früh war, kamen wir doch alle rechtzeitig zum Flughafen. Nach einem kleinen Frühstück und vor allem einem Kaffee während des Fluges waren wir dann bei der Landung in Toulouse gegen elf Uhr morgens auch halbwegs wach. 

Brigitte vom Toulouser Chor nahm uns am Flughafen in Empfang und setzte uns in den Shuttlebus zum Hauptbahnhof, von dem uns Jacques Michel selbst, der Chorleiter des DFC Toulouse, abholte. Nachdem wir unser Gepäck in einem Hotel abgestellt hatten, konnten wir uns schließlich in das südländische Flair der Stadt stürzen. Ihre roten Backsteinbauten nahmen uns sofort gefangen, und die wohltuende Lässigkeit der Menschen vermittelte uns das Gefühl, auf wundersame Weise dem Alltag entflohen und mitten im Urlaub gelandet zu sein. Tatsächlich strahlte die Sonne vom Toulouser Himmel herab, als fühlte sie sich persönlich dafür verantwortlich, dass wir unseren Aufenthalt genießen. 

Viele von uns nutzten die freie Zeit zu einem ausgiebigen Mittagessen in einem der vielen Spezialitätenrestaurants von Toulouse, von denen etliche sehr schön an den unzähligen kleinen Plätzen der Altstadt gelegen sind. Die auf diese Weise erfolgte Stärkung erwies sich im Nachhinein als sehr sinnvoll, denn am frühen Nachmittag trafen wir uns alle am zentralen Platz  und engagierte Mitglieder des DFC Toulouse führten uns durch ihre Stadt. Und wir sprechen hier nicht von einem lapidaren kleinen Bummel � nach dieser Führung waren wir durchaus fit in der allgemeinen, der Kunst- und der Architekturgeschichte der Stadt. 

Die Autorin schloss sich der Gruppe um Jean-Marie Kessler an, der sich als ein wahrer Kenner und Liebhaber der Toulouser Historie erwies. Jean-Marie führte uns zielsicher zu den wichtigsten und schönsten Plätzen der Stadt und wusste zu jedem Haltepunkt spannende, interessante oder kuriose Geschichten zu erzählen, und zwar in hervorragendem Deutsch. Da Jean-Marie jedoch auch im letzten Jahr den durch Toulouse verlaufenden Jakobsweg gegangen war und dabei in 42 (!!!) Tagen die 1200 (!!!) km von Toulouse nach Santiago de Compostella zu Fuß zurückgelegt hatte, war er selbst den Jüngsten von uns konditionsmäßig haushoch überlegen. Wobei jedoch zu unserer Verteidigung auch die extrem kurze vorangegangene Nacht angeführt werden soll. So war es leider so, dass wir Jean-Maries Elan etwas bremsten, was aber nicht bedeuten soll, dass wir ein undankbares Publikum gewesen wären. Wir waren einfach nur ein müdes Publikum an diesem Tag. 

Unsere immerhin gut dreistündige Tour führte uns zu einigen der sehenswertesten Plätze von Toulouse:
Das Capitole selbst, das Rathaus von Toulouse, in dessen prunkvollen Sälen die Geschichte der Stadt und ihrer Umgebung in einer Vielzahl von Wand- und auch Deckengemälden dargestellt ist.

Die Place du Capitole selbst und die angrenzende Rue du Taur, Schauplätze der Leidensgeschichte des ersten Bischofs von Toulouse, Saturnin � Sernin im Okzitanischen, der ursprünglichen Sprache der Region, welche auch heute noch gepflegt wird (so findet man in der Toulouser Innenstadt alle Straßennamen in Französisch und Okzitanisch notiert). Dieser Bischof Sernin wurde im Jahre 250 von den Römern an einen Opferstier gebunden und zu Tode geschleift. An der Stelle in der Rue du Taur, wo er schließlich starb, steht heute die Kirche Notre-Dame du Taur.

Über dem Grab des Sernin � fortan St. Sernin � errichtete man im fünften Jahrhundert eine kleine Kapelle. Wegen der außerordentlichen Popularität des Märtyrers kamen mehr und mehr Wallfahrer zum Grab des St. Sernin, so dass die Kapelle schon bald den Ansprüchen nicht mehr genügte. Deswegen wurde um 1100 mit dem Bau einer Basilika begonnen, die heute als die größte und schönste erhaltene romanische Kirche der Welt gilt.

Die Basilika Saint-Sernin beherbergt darüber hinaus die größte Ansammlung von Reliquien in Frankreich. Da sie schon bald zu einer wichtigen Etappe auf dem Jakobsweg wurde und unzählige Pilger hier auf dem Weg nach Spanien Halt machten, bestand Interesse, möglichst vielen Besuchern das Anbeten ihres jeweiligen Schutzpatrons zu ermöglichen. So erklärt es sich auch, dass die Kirche über ganze fünf Schiffe und zahlreiche Seitenkapellen verfügt. In einer der Kapellen wurde vor nicht allzu langer Zeit bei Restaurierungsarbeiten ein sehr altes Marienfresko freigelegt. Weitere Besonderheiten in Saint-Sernin sind das romanische Holzkreuz, welches das größte seiner Art überhaupt ist, sowie der Altar, der einem antiken Opfertisch nachempfunden ist.

Eine weitere sehr beeindruckende Kirche, die Jean-Marie uns gezeigt hat, ist die Dominikanerkirche, ein ehemaliges Kloster mit dem Namen Jacobins (ein anderer Name der Dominikaner, nach dem Kloster in der Rue Saint-Jacques in Paris). Die Hauptkirche der Klosteranlage ist ein wunderschöner gotischer Bau, dessen zwei Schiffe durch sieben Säulen geteilt werden und der durch eine wohltuende Leere und Weite im Gedächtnis bleibt. Die letzte dieser sieben Säulen wird auch ?palmier", die Palme, genannt, weil bei ihr die 22 Gewölbebögen zusammenlaufen. Im Kreuzgang der Anlage finden oft Konzerte statt, und im Refektorium war eine zeitgenössische Kunstausstellung untergebracht, deren zweifelhafter Höhepunkt ein völlig schrottreifes Unfallauto war.

Neben den zahlreichen Kirchen hat Toulouse aber auch eine recht ansehnliche bürgerliche Seite. So ist das Stadtbild auch von den privaten Palästen des Bürgertums geprägt, von denen uns Jean-Marie als beeindruckendes Beispiel das Hôtel de Bernuy zeigte. Es wurde um 1530 errichtet und ist einer der klassischen Toulouser Renaissancebauten. Hier erklärte uns unser Reiseführer auch die Geschichte der Türme: auf vielen Bürgerpalästen finden sich schlanke Türmchen, die von den Hausherren als Zeichen für Reichtum und Einfluss errichtet wurden. Je höher der Turm, desto mächtiger der Mann, der das Haus bewohnte.

Als wir schließlich an der Garonne ankamen, an dem Platz gegenüber dem alten Spital, waren wir ordentlich erschöpft, und einige von uns steuerten direkt ein nahe gelegenes Studentencafé an, um zu verschnaufen und sich zu erfrischen. Per Metro ging es schließlich zurück zu dem Hotel, wo wir unser Gepäck gelassen hatten und wo wir von unseren Gastfamilien in Empfang genommen wurden. Den Abend verbrachten wir bei unseren Gastgebern, und ich denke, wir haben alle wunderbar geschlafen nach diesem langen und ereignisreichen Tag.

Nun kann eine doppelte Chor-Geburtstagsfeier natürlich nicht ohne ein Konzert stattfinden, und unsere Toulouser Freunde hatten sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: sie organisierten die Aufführung in einem kleinen Dorf, das etwa eine Autostunde von Toulouse entfernt liegt und Cologne heißt. Wie wir später an diesem Tag erfuhren, wurde das Dorf tatsächlich nach der ?großen Schwester" in Deutschland benannt, und die französischen Kölner standen uns in der Feierlaune in nichts nach. Aber bevor wir losfeiern konnten, galt es natürlich zu proben, und deswegen fanden wir uns am Nachmittag in der Kirche von Cologne ein.

Im Endeffekt mussten wir Kölner zu Beginn unserer Darbietung Bergmannslampen auf unsere Köpfe setzen und bekamen in der Reihenfolge, in der wir auf die Bühne gingen, aus Pappe gefertigte Flüstertüten mit Griff in die Hand gedrückt, deren Vorderseite mit einer Art Pergamentpapier bedeckt war, in das jeweils ein Buchstabe eingearbeitet war.

Auf ein Zeichen des Künstlers hin wurden alle Lichter gelöscht, und wir mussten die Bergmannslampen an knipsen und die Flüstertüten direkt vor die Lampen halten. Auf diese Art ergab sich ein Satz, den wir zwar inhaltlich verstanden, dessen tieferer Sinn uns jedoch bis heute ein Rätsel ist. ?Ideen sind Gesänge, und dann gibt es noch die Schreie.", oder so ähnlich. Man muss vielleicht auch nicht alles im Leben verstehen.

Immerhin musste der Toulouser Chor dafür ein Stück komplett im Dunkeln singen, und vor dem Tango ?La Muerte del Angel", das wir mit beiden Chöre gemeinsam aufführten, mussten wir alle in der stockdunklen Kirche mit Teelichtern in der Hand auf die Bühne stolpern und eine Schweigeminute für den toten Engel einlegen, während hinter uns ein Neonschriftzug mit dem Titel des Stücks prangte.

Musikalisch gesehen jedenfalls war das Konzert ein Erfolg. Es trat sogar noch ein dritter Chor auf, der aus der Region stammte, und alle gemeinsam sangen wir am Schluss Bernard Lallements ?Chant de Rencontre". Das Publikum in der zum Bersten vollen Kirche war dankbar und geduldig bis zum Schluss des (nicht zuletzt wegen der künstlerischen Einlagen) recht langen Konzerts.

 

Bereits vor dem Konzert wurden wir in einer Art Gemeindesaal empfangen und mit einem stärkenden Imbiss versorgt. Nach dem Konzert schließlich gab es eine herrliche Party auf dem Marktplatz, bei der der Bürgermeister des 700-Seelen-Dorfes Cologne nicht nur ein paar Sätze Deutsch sprach, sondern auch höchstpersönlich Apfelkuchen und Wein servierte. Unserer Begeisterung machten wir schließlich in einem "Tourdion" Luft, der so von Herzen kam wie selten zuvor. Und so wurde es recht spät an diesem Samstag.


Aber schon am Sonntagvormittag waren wir alle wieder in Cologne verabredet, denn die Bewohner haben extra wegen unseres Besuchs einen kleinen Markt mit regionalen kulinarischen Spezialitäten und Handwerksprodukten veranstaltet. Außerdem fand ein Picknick statt, und wir alle profitierten von der gelösten sonntäglichen Atmosphäre. Auch der Künstler war wieder mit von der Partie, diesmal mit einer ?Klanginstallation": er ließ eine kleine bewegliche Garten-bewässerungsanlage laufen, so dass der Wasserstrahl nacheinander auf verschiedene aufgereihte Trommeln u.ä. traf, wodurch eine Art Percussion-Effekt erzeugt wurde. Vor allem profitierten jedoch die Kinder von dem Spektakel, die hinter der eigentlichen Installation hüpften und sprangen und sich vom vorbeispritzenden Wasser erfrischen ließen. Am Nachmittag schließlich gab es eine kleine Führung rund um den Markt von Cologne, bei der einiges zur Geschichte und Architektur erklärt wurde. Den Abend verbrachten wir in den Gastfamilien, und einige von uns trafen sich im Stadtzentrum auf einen Aperitif.

Am Montag mussten wir genauso früh aufstehen wie unsere Gastgeber, aber nicht, um wie sie zur Arbeit zu fahren, sondern weil wir einen Tagesausflug geplant hatten. Unser Ziel war Carcassonne, diese wunderbar erhaltene mittelalterliche Stadt, die so nah an den Pyrenäen liegt, dass man an klaren Tagen die Berge von dort aus sehen kann. Ein gemieteter Bus brachte uns dorthin, und wieder war Jean-Marie unser kompetenter Reiseführer.

Carsassonne ist von zwei konzentrischen Mauern umgeben, die es insgesamt auf eine Länge von drei km bringen und 52 Türme aufweisen. Im Herzen der Stadt liegt die 80 mal 40 m große Anlage der Grafenburg (Château Comtal). Das Gebiet wurde ab dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert besiedelt, aber aus jener Zeit gibt es kaum noch Spuren. Ab dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde die Stadt über ein Jahrtausend lang ausgebaut, wobei ihre heutige Form um 1200 entstand. Carcassones Geschichte war stürmisch und von zahlreichen Belagerungen sowie von blutigen Kämpfen zwischen Kreuzzüglern und so genannten Ketzern geprägt. Letztere waren vor allem die Katharer, deren Religion sich im 11. und 12. Jahrhundert im heutigen Südfrankreich entwickelte und rasch ausbreitete, die jedoch von der römisch-katholischen Kirche als Irrlehre angesehen und verfolgt wurde. Als die Katharer den Religionskrieg verloren hatten und Carcassonne erobert worden war, wurde das Gebiet ebenso wie die Grafschaft Toulouse der Krone von Frankreich angeschlossen. Während der französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch das königstreue Carcassonne arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber schon ein halbes Jahrhundert später begann unter dem berühmten Architekten Viollet-le-Duc eine umfangreiche Restaurierung, die bis 1910 andauern sollte. Heute leben noch etwa 120 Menschen in Carcassonne, von denen die meisten Kunsthandwerksgeschäfte, Touristenläden oder Gaststätten betreiben. Die Stadt ist ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt und erlangte noch mehr internationale Berühmtheit, nachdem ein guter Teil der Robin Hood-Verfilmung mit Kevin Costner hier gedreht wurde. Wir genossen es sehr, durch die engen Gassen zu streifen, in denen man leicht vergessen kann, in welchem Jahrhundert man sich gerade befindet.

Auf der Rückfahrt von Carcassonne machten wir noch zweimal Halt. Jean-Marie führte uns zunächst zur Maison de la Haute Garonne, einem Informationszentrum, in dem die Geschichte des Canal du Midi dargestellt ist. Dieser wichtige Handelswasserweg wurde im 15. Jahrhundert errichtet, um eine Verbindung zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer zu schaffen. Beim zweiten Halt besichtigten wir eine der zahlreichen Schleusen am Canal, ohne die der Schiffsverkehr nicht möglich wäre.

 Als wir schließlich wieder in Toulouse ankamen, blieb uns noch ein klein wenig Zeit bis zum großen Abendessen mit dem Toulouser Chor, so dass wir ganz entspannt zum Restaurant La Ripaille schlendern konnten. Dort verbrachten wir einen sehr angenehmen Abend mit einem köstlichen Menü und etlichen Überraschungen. So überreichten uns unsere Freunde unter anderem ein liebevoll gestaltetes Diplom, welches uns, den DFC Köln, zum ?coolsten aller Deutsch-Französischen Chöre" erklärt!

Auch wurde an diesem Abend noch einmal der beiden Chor-Geburtstage gedacht, und natürlich des am nächsten Tag anstehenden Geburtstags unserer Hannah, die also noch in Toulouse volljährig wurde. Nach dem einmalig leckeren flambierten Eiscreme-Dessert sangen beide Chöre noch ein paar Stücke, bevor wir uns verabschieden mussten.

Pünktlich zu unserer Abreise am Dienstagmorgen wurde das Wetter trüb und kühl, und ein bisschen entsprach dies auch dem, was wir fühlten. Es war einfach zu schade, diese angenehme Stadt und unsere herzlichen Gastgeber zu verlassen. Der Flug war aufgrund der Wetterlage sehr bewegt, aber gegen Mittag des  3. Oktober hatten wir Gott sei Dank alle wieder festen rheinländischen Boden unter den Füßen.
Wir werden diese Reise in sehr guter Erinnerung behalten. Unser Dankeschön geht an dieser Stelle an unsere Gastgeber, die uns so lange beherbergt und so verwöhnt haben, aber auch an die Einwohner unseres Namensvetter-Dorfes Cologne. Danke besonders an Jean-Marie für seine Zeit und Energie bei den Führungen, an Jacques Michel natürlich für die musikalische Arbeit, und an alle Toulouserinnen und Toulouser, die durch ihr Engagement zum Gelingen dieser Reise beigetragen haben. Wir hoffen sehr, dass wir uns alle bald im deutschen Köln wieder sehen werden!